Eine Klientin kam zu mir, weil sie nicht wusste, wie es beruflich für sie weitergehen sollte.
In ihrer aktuellen Rolle hatte sie etwas Bedeutendes aufgebaut, aber sie spürte, dass da noch mehr sein könnte. Gemeinsam kamen wir auf eine Idee: ein kurzes Praktikum in einem anderen Bereich – einfach, um reinzuschnuppern, ohne etwas aufzugeben.
Doch dann sagte sie, das gehe noch nicht. Erst müsse ihr aktuelles Projekt fertig sein.
Ich fragte sie: Zu wie viel Prozent ist es denn schon fertig?
Zu siebzig, sagte sie.
Dann zählte sie auf, was bis hundert noch alles fehlte.
Während wir darüber sprachen, wurde uns beiden klar: Dort würde sie in absehbarer Zeit nicht ankommen. Nicht, weil sie es nicht kann, sondern weil sie immer noch etwas finden wird, das sich verbessern lässt, etwas, das noch fertig werden muss.
Sie wird die Messlatte immer wieder selbst höher legen.
Aber warum?
Setzt ihr Chef sie unter Druck? Ist das Unternehmen dringend darauf angewiesen, dass sie das Projekt abschließt?
Weder noch. Der Druck kommt von ihr selbst.
Sie misst sich an einem Ideal. An einem Ideal, das sich immer weiter verschiebt, je mehr sie wächst.
Und wer sich an einem Ideal misst, das mitwächst, landet immer im Minus. Es bleibt immer das Gefühl: noch nicht so weit. Oder: nicht gut genug.
Ich unterbrach sie.
„Du hast im Januar mit dieser Rolle angefangen. Wie viel Prozent gab es damals?“ Null, sagte sie. „Und heute?“ Ungefähr siebzig.
Sie hat es selbst gesagt. Von null auf siebzig in wenigen Monaten. Aber sie konnte es nicht sehen.
„Du erzählst mir gerade, dass du das alles in ein paar Monaten geschafft hast.“
Da wurde sie still.
Genau da liegt die Lücke. Nicht in den dreißig Prozent, die noch fehlen. Sondern in den siebzig Prozent, die sie nicht sehen konnte.
Die meisten von uns messen von dort aus, wo wir hinwollen – nicht von dort, wo wir angefangen haben. Aus diesem Blickwinkel bist du nie weit genug. Du findest immer noch etwas, das du erst in Ordnung bringen musst, bevor du dir den nächsten Schritt erlaubst.
Die Messlatte steigt nicht, weil du versagst. Sie steigt, weil du wächst.
Ich ertappe mich selbst auch dabei. Lange habe ich mich mit Menschen verglichen, die mir zehn Jahre voraus waren – und dabei völlig übersehen, wie weit ich selbst schon gekommen war.
Die Frage ist nicht, ob du bereit bist. Sondern ob du vom richtigen Punkt aus misst.